Magnus Carlsens Regentschaft bedeutet für das Schach in vielerlei Hinsicht eine Trendwende. Nie hat sich ein Weltmeister als Marke etabliert, nie war ein Weltmeister derart zugänglich und transparent. Das hat mit dem Umstand zu tun, dass Magnus Carlsen mit Sozialen Medien und Schach-Streaming aufgewachsen ist – und mit seiner Persönlichkeit. Interviewern, die er schätzt, antwortet Carlsen mit brutaler Ehrlichkeit.

Nicht nur hinsichtlich Vermarktung und Medienpräsenz, auch beim Schach selbst bricht Carlsen mit Traditionen. Kein Weltmeister vor ihm hätte ernsthaft am klassischen Schach gerüttelt und gefordert, den WM-Titel in 48 Schnellpartien auszuspielen. Genau das tat der Norweger jetzt auf chess24im Gespräch mit seinem Freund und Sekundanten Jan Gustafsson. Und er ließ offen, ob er 2020 zur Titelverteidigung antritt. Die klassischen Partien 2018 hätten ihn gelangweilt, sagt Carlsen.

Beschäftigen Dich die Debatten übers Format des WM-Matches?

Natürlich. So wie es ist, finde ich es nicht ideal. Aber bevor wir über das Format reden, sollten wir Einigkeit schaffen, was das Ziel einer Schach-WM ist, wofür der Weltmeister stehen soll. Wenn der Weltmeister der beste Schachspieler der Welt sein soll, dann sollte der Titel alle Schachformate umfassen. Speziell Schnellschach und in einem gewissen Maße auch Blitz sind reguläre Spielarten des Schachs – und in mancher Hinsicht bessere Spielarten als das klassische Schach.

Magnus Carlsen, wie ihn der Karikaturist Frank Stiefel sieht. Der „Mozart des Schachs“ macht jetzt tatsächlich Musik, aber solche, die dem guten Wolfgang Amadeus eher nicht gefallen würde. In den kommenden Tagen erscheint in Norwegen ein Rap-Titel des Schachweltmeisters.

Wenn es nach Dir ginge, nach welchem Format würde die WM gespielt?

Es würde so bleiben, aber statt einer klassischen Partie würden wir jeden Tag vier Schnellpartien spielen. Wer das Mini-Match gewinnt, bekommt den Punkt. Ein solches Format favorisiere ich schon seit langem. 15+10 wie bei der Schnellschach-WM wäre dafür eine gute Zeitkontrolle.

Keine klassischen Partien?

Wenn Du herausfinden willst, wer der beste Spieler ist, dann lass die Kontrahenten so viele Partien wie möglich spielen. Das Rapid-Format würde weiterhin Raum lassen für Vorbereitung, Eröffnungsideen und so weiter, es den Spielern aber schwerer machen, Schwächen zu verbergen, Fehler zu vermeiden. So ein Match wäre aufregender als das jetzige, und die Zuschauer bekämen ein besseres Bild davon, wer ihr Weltmeister ist.

Zwei Jahre bis zum nächsten WM-Match. Wirst Du antreten, unabhängig vom Format?

Das werden wir  sehen. Als Teil meines Teams weiß Du, dass wir diesen running gag hatten, ob ich überhaupt zum Match 2018 antrete…

…ich dachte, die Wahrscheinlichkeit dafür sei sehr hoch. Warum sonst würdest Du wochenlang mit uns rumhängen…

…ja, stimmt schon, aber das Match war für lange Zeit nicht fix. Dennoch, London 2018 war eine gute Erfahrung. Nervlich habe ich mich viel stabiler gefühlt als zwei Jahre zuvor in New York, das war besser. Trotzdem, WM-Matches, so wie sie sind, sind einfach nicht meine Lieblingsveranstaltungen.

Wo wir bei den Nerven sind: Hast Du nachts schlafen können?

Auch ein positiver Aspekt dieses Matches: Ich habe gut geschlafen, zumindest vor den Partien. Vor den Ruhetagen fiel mir das Einschlafen schwerer, aber das war eher eine Frage der Disziplin. Wenn ich weiß, dass ich am nächsten Tag nicht spielen muss, dann ist es nicht so leicht einzusehen, warum ich früh schlafen sollte. Ich habe dann für ausgefüllte Ruhetage gesorgt, an deren Ende ich müde ins Bett falle. So war ich an Spieltagen stets fit. Am Tag vor dem Tiebreak zum Beispiel war ich ziemlich kaputt. Aber dann habe ich, Fußball gespielt, eine Massage genossen, gut gegessen, und am Tag danach ging es mir wunderbar. Ich habe mich so frisch gefühlt wie zu keinem anderen Zeitpunkt während des Matches.

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