Grossmeister vorne weitgehend unter sich

Bachmann
Im Vorbericht hatte ich dem Publikum – nach einem Blick auf die Teilnehmerliste – 16 Grossmeister versprochen, zugleich die ersten sechzehn der Setzliste. Dieses Jahr war kein Fast- oder Demnächst-GM dabei, wie die letzten Jahre Jorden Van Foreest (der zwar auch mitspielte, aber seine früheren Titel FM und IM nicht mehr führt). Der Norweger Johannessen ist dann nicht erschienen, aber fünfzehn ist ja auch nicht schlecht. Von diesen machte Axel Bachmann alles richtig: ungeschlagen, 100% gegen Nicht-GMs und auch ein Sieg gegen einen GM-Kollegen. Ab Runde 2 spielte er am ersten Brett, da der nach Elo ganz leicht (2634 zu 2632) favorisierte Christian Bauer bereits in Runde 1 einen halben Punkt einbüsste, und auch danach etwas zu oft remisierte. So gewann der Mann aus Paraguay das Turnier, von mir bekommt er dafür das Titelfoto (alle Fotos Quelle Turnierseite).

 

Endstand: Bachmann 6/7, Gharamian, Fier, Van Foreest, Swinkels, Bauer 5.5, usw. . 5/7 erzielten (nicht sauber nach Wertung sortiert) die GMs Socko, Fridman, Wirig und Dambacher, die IMs Feuerstack, Hovhannisyan und Ducarmon sowie die FMs Van Dooren und Hing Ting Lai. Da fehlen noch fünf von fünfzehn Grossmeistern.

 

Wenn man so will, war das A-Turnier ein B-Turnier: die vorangemeldeten Arnold und FM Akhayan sind auch nicht erschienen, und für Adams, Andreikin oder gar Anand oder Aronian reichte das Budget wohl nicht. Dafür war der Buchstabe B grossmeisterlich vertreten: Dauergast Emanuel Berg, offenbar zum zweiten Mal Christian Bauer und erstmals Axel Bachmann – der die weite Anreise sicher nicht bereut hat, allerdings ohnehin viel in Europa spielt. Vorübergehend schafften es auch die titellosen Bob Beeke und Tom Bus in die Liveübertragung. Im Schnelldurchlauf durch die Runden:

 

In Runde 1 gab es fast durchgehend Favoritensiege, meistens souverän – Ausnahme GM Sipke Ernst, der gegen Peter Wilschut (2260) zwischendurch total verloren stand. Ausserhalb der Liveübertragung noch Bob Beeke (2244) – GM Wirig 1-0, und innerhalb der Liveübertragung:

 

Lai Hing Ting - Bauer

 

FM Hing Ting Lai (2332) – GM Christian Bauer wurde remis. Ausgewählte Momente jeder Runde werde ich später (kann etwas dauern) noch anderswo veröffentlichen, es war jedenfalls eine turbulente und etwas kuriose Partie. Hing Ting Lai wurde kurz vor dem Turnier zum zweiten Mal NL-Jugendmeister, und ist hierzulande auch als starker Blitzer bekannt – es gibt gleich zwei Videos zu Blitzpartien in Kneipenatmosphäre gegen den etablierten Blitzer IM Manuel Bosboom. Neben Bauer WGM Anne Haast, die gegen Bachmann spielte (und ich erwähnte ja bereits, was der mit Gegnern ohne vollwertigen GM-Titel machte).

 

Runde 2: Da beschleunigt gepaart wurde, gab es bereits Duelle ohne klaren Favoriten: Brett 9 GM Swinkels (2485) – GM Ernst (2543) und Brett 10 GM Janssen (2508) – GM Schroeder (2508), beides wurde dann auch remis. Drei Grossmeister remisierten gegen Nicht-GMs: Bei GM Fier – Coenen war zuvor nicht klar, wer in einem Grünfeld-Endspiel auf Gewinn spielte. Daniel Fridman gewann gegen IM Aljoscha Feuerstack zwar die Dame (gegen Turm und Läufer), aber am Ende nicht die Partie.

 

Warmerdam-Socko mit Gouvernör

 

Bei FM Warmerdam – GM Socko bot der Pole nach 23 Zügen selbst remis an: auf der Uhr stand er besser, auf dem Brett allerdings schlechter. Auf dem Foto noch Gouverneur der Provinz Limburg Theo Bovens, der für das lokale Jungtalent den ersten Zug ausführte, und Turnierdirektor Ferry Gerard.

 

Bachmann-Harff

 

GM Bachmann – FM Harff, das Ergebnis kennt der mitdenkende Leser bereits. Lange konnte Schwarz gut mithalten, dann  (34.-Sd2 war offenbar ein Figurentausch zu viel) bekam Weiss doch Oberwasser. Marcel Harff hatte dieses Jahr, im Gegensatz zu 2014, insgesamt kein gutes Turnier. Das Paarungsprogramm hatte anfangs beschlossen, dass er in Runde 3 gegen seinen Vater Wilfried Harff spielen soll – das wurde dann korrigiert, stattdessen bekam er das belgische Jungtalent Anthony Cristian Mitran (*2004, mit Elo 2094 vielleicht unterbewertet) und verlor.

 

Runde 3 war an den zehn Brettern der Liveübertragung ein schwarzer Nachmittag, Weiss erzielte insgesamt =3-7! Zum Teil lag es wohl daran, dass die Schwarzspieler die klar bessere Elo hatten. In drei Partien gewann der Favorit allerdings nicht. Sarah Hoolt bot – vielleicht erschrocken, dass sie deutlich besser stand – nach 17 Zügen remis, Gegner Daniel Fridman akzeptierte. GM Jan-Christian Schroeder musste sich gegen FM Dirk Van Dooren (der insgesamt für seine Verhältnisse, Elo 2365, ein sehr gutes Turnier spielte) mit remis begnügen – zuvor stand er (laut Engines) erst im Schwerfigurenendspiel mit Damen und Türmen besser, dann im reinen Turmendspiel schlechter. IM Aljoscha Feuerstack (2452) spielte gegen Tom Bus (2178) zu lange auf Gewinn und verlor.

 

In Runde 4 wurde nicht mehr beschleunigt gepaart, prompt gab es reihenweise Partien mit grossem Elounterschied – zuvor in der unteren Paarungshälfte erfolgreiche „Elozwerge“ wurden ausgebremst und immerhin zuvor vom Turnierfotografen abgebildet:

 

Bus-Bachmann

 

Bus – GM Bachmann, der Leser kennt das Ergebnis bereits (0-1). Nach 21 Zügen war Schluss, da Weiss nach reiflicher Überlegung (knapp 14 Minuten für 21.Sa2?) eine Qualität einstellte und direkt aufgab. Wie das Foto zeigt, ist Bus (*1960) kein Jungtalent. Er spielt in NL für Voerendaal aus der Provinz Limburg, und in Deutschland in der Zweiten Bundesliga für die halb-niederländische zweite Mannschaft von Mülheim.

 

Swinkels-Van Meegen

 

GM Swinkels – Ruud Van Meegen (ebenfalls Voerendaal, *1996, Elo 2110) 1-0

 

Van Foreest-Hoornstra

 

Jorden Van Foreest hatte mit dem Maastrichter Hans Hoornstra (*1968, Elo 2011) wieder einen mittelalterlichen Gegner, der GM gewann im Endspiel.

 

Schleipfenbacher-Chatalbashev

 

Und auch Frank Schleipfenbauer (*1966, Elo 2122) hatte gegen GM Chatalbashev das Nachsehen. Daniel Fridman spielte gegen den bereits erwähnten Hing Ting Lai seine wohl beste Partie im Turnier: korrektes und letztendlich siegreiches Turmopfer für fünf Bauern. Ausserdem gewann unter anderem GM Sipke Ernst, wobei sein junger Gegner Kevin Nguyen erst im 133. Zug den entscheidenden Fehler machte. Nguyen spielt für Messemaker 1847 aus Gouda, offenbar der älteste Schachverein hierzulande; leider (aus seiner Sicht) war 133.-Kd8? Käse. Ein GM-Duell gab es auch, bzw. nicht – die Herren Gharamian und Fier einigten sich nach 12 Zügen auf Remis.

 

Runde 5: Zwei GMs hatten noch eine weisse Weste, damit lautete die Paarung am Spitzentisch Bachmann-Berg. Der Schwede opferte mit 22.-Sg6?! inkorrekt einen Bauern (da er hierfür 21 Minuten investierte, war es vermutlich ein Opfer und kein Einsteller), verlor dann noch einen zweiten Bauern und hatte im resultierenden Turmendspiel keinerlei Kompensation, also gab er auf. Zwei andere GM-Duelle endeten remis: das französische Derby Bauer-Gharamian nach 11 Zügen, Socko-Wirig nach deren 108, die letzten 26 im Remisendspiel Turm gegen Läufer. Vorjahressieger GM Ruud Janssen verlor mit Weiss gegen FM Van Dooren, damit hatte sich das Thema Titelverteidigung definitiv erledigt.

 

Runde 6: Vorne vier GM-Duelle: Swinkels-Bachmann war formal ausgekämpft remis, dabei praktisch ohne Feindberührungen. Gharamian spielte diesmal satte 17 Züge, bevor er mit Chatalbashev remis vereinbarte. Dambacher-Fier 0-1, eine Lehrstunde zum Thema Grünfeld-Endspiele. Bei Fridman-Van Foreest hatte ich ein Problem: Wem soll ich die Daumen drücken? Jorden Van Foreest bin ich bereits mehrfach begegnet, Daniel Fridman noch nie persönlich – aber eine email, die ich am Ende eines meiner ersten Artikel zitierte, empfand ich als sehr angenehm. Dann verlief die Partie erstaunlich einseitig: Fridmans 14.f3?! (nach nur 7 Sekunden) war äusserst dubios – damit öffnete sich der Königsflügel, wobei Weiss bereits kurz rochiert hatte und Schwarz jederzeit noch lang rochieren konnte. Die Re-Zentralisierung des weissen Königs (16.Kf1, 18.Ke2) war vermutlich nicht unbedingt geplant, Qualitätsverlust auch nicht. Die anschliessende „technische Phase“ war vielleicht nicht total trivial, aber Schwarz meisterte sie – 0-1. Ausserdem: Tom Bus spielte und verlor gegen GM Berg, dennoch war es mit am Ende 4,5/7, TPR 2465 ein für ihn gelungenes Turnier.

 

Bei der Suche nach und Auswahl von Fotos wäre es oft hilfreich, wenn die Spielernamen erwähnt würden – generell, nicht nur bei diesem Turnier, wobei ich nachvollziehen kann dass es in der Kürze der Zeit oft nicht möglich ist. Diesen Spieler erkannte ich an seiner Eröffnung:

 

Van Dooren - Königsgambit

 

FM Dirk Van Dooren entkorkte gegen GM Socko das Königsgambit, die Partie endete nach durchgehend interessantem Verlauf remis. Sipke Ernst spielte in dieser Runde 159 Züge, zuletzt etwas mehr als 50 im Endspiel Turm und Springer gegen Turm, aber Gegner Hing Ting Lai hielt stand – remis.

 

Runde 7: Als ich bei der Liveübertragung hereinschaute, war das südamerikanische Duell Bachmann-Fier bereits beendet – fast im Blitztempo spielten sie 24 Züge Sveshnikov-sizilianische Theorie und dann war es remis. Drei Spieler konnten Bachmann, der allerdings nach Wertung wohl vorne liegen würde, nun noch einholen. Aber dann war Van Foreest – Swinkels ein korrekt-risikoscheues Remis, und statt zu gewinnen verlor Berg gegen Bauer. Auch Brett 4 war noch relevant, allerdings nur für den geteilten zweiten Platz. Gharamian, der sich ja in einigen Runden zuvor ausgeruht hatte, spielte gegen Jan-Christian Schroeder 119 Züge und nahm zum Schluss das Geschenk 119.Le8?? (119.Kc2!) dankend an – 119.-a3 und dieser Bauer läuft durch, also 0-1. Allerdings stand Schwarz offenbar zuvor in der Partie, so um den 100. Zug, glatt gewonnen – das will ich nun aber nicht näher untersuchen. FM Van Dooren – GM Wirig: immer in der Remisbreite, also remis – was preisgeldtechnisch keinem so recht nützte, der Weisspieler war wohl zufriedener. Socko-Chatalbashev 1-0, da gewann preisgeldtechnisch der falsche Spieler – der Pole hatte zuvor 4/6, der Bulgare 4,5/6.

 

Der Damenpreis war, wie im Vorbericht angedeutet, etwas Lotterie: Vor der letzten Runde hatte Sarah Hoolt 4/6, ihre Konkurrentinnen Judith Fuchs und Anne Haast 3,5/6. Also bekam Frau Hoolt mit IM Ducarmon einen relativ starken Gegner und verlor, die beiden anderen hatten nominell leichtere Gegner – Fuchs remisierte, Haast gewann und sicherte sich damit den Damenpreis. Alle bekommen ihr Foto, wobei ich da wieder etwas Detektivarbeit leisten musste da ich nur Haast „vom Sehen“ kenne.

 

Hoolt+Haast

 

Da Haast und Hoolt in Runde 6 nebeneinander spielten, ist das links sicher Sarah Hoolt.

 

Goossens

 

WFM Hanne Goossens aus Belgien hat Locken, wie die Dame auf diesem Foto.

 

Fuchs

 

Dann ist das wohl Judith Fuchs? Nein (siehe Kommentar unten), das ist Diana Dalemans – einzige und damit beste limburgische Dame im A-Turnier, nach anfangs 0/2 am Ende 2,5/6 (bzw. 0,5/3 und 3/7, aber gegen „bye“ bekommt jede und jeder einen halben Punkt). Nächster Versuch bzw. Hinweis von Schachfreund René Coenjaerts:

 

echte Fuchs

 

Tatsächlich ähnelt sie stark Judith Fuchs in diesem Chessbase-Artikel. Da war sie unterhalb der Tabelle Nummer eins von zehn individuell fotografierten Damen – was der schwedische Altmeister Ulf Andersson in dieser Fotoserie zu suchen hatte, müsste man Andre Schulz fragen. Noch ein Detail: Gata Kamsky war vor dem Gibraltar Open 2014 vielleicht das letzte Mal beim Friseur – das meines Wissens aktuellste Kamsky-Foto stammt aus Sotschi und ist in diesen eigenen Artikel eingebaut. Zurück zum Limburg Open in Maastricht:

 

Van Foreest + Dangelder

 

Und das? Nicht etwa Mutter und Tochter, auch wenn der Fotograf das vielleicht „suggerieren“ will. Die junge Dame links hat den bekannten Nachnamen Van Foreest, und den Vornamen Machteld. Mit 7 Jahren hat sie immerhin bereits Elo 1828, auch wenn sie in diesem B-Turnier nicht dementsprechend spielte. Die Norwegerin Yonne Tangelder sitzt zufällig neben ihr – bzw. nicht zufällig, sondern weil die Auslosung es so entschied, da beide ein vergleichbares Turnier spielten.

 

Zum Schluss noch ein Blick in den Turniersaal:

 

Turniersaal2

 

Überall ist offenbar Weiss am Zug – interessant die ähnlichen aber doch unterschiedlichen Konzentrationsposen, nur der Spieler ganz vorne rechts sieht die Sache (noch?) eher locker.

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