Auch hierüber lohnt es sehr wohl, sich einmal intensiver Gedanken zu machen. Falls nicht schon geschehen… Sicher hat es sich jeder schon mal gefragt, welche Bedenkzeitregelung ihm genehm ist, bei welcher er seine größten Erfolge erzielt hat, wie es am meisten Spaß macht, auf welche Turniere im Jahr man sich regelmäßig freut, auf welche am meisten, welche man so oder so mitspielt und welche eher als Pflichtveranstaltung zu gelten hätten, wobei man sich vielleicht jedes Mal vornimmt, sich diesmal doch bitte etwas besser auf die ungeliebten Bedingungen einzustellen. So mancher streicht vielleicht ein Turnier aus dem Terminkalender, da es nun nicht mehr 5+0 ist sondern dieses angeblich dem Schach und seinem Gehalt so förderliche 3+2, bei welchem jedoch die Fuddelkünste urplötzlich so gar keinen Nährboden mehr finden wollen.

Allgemein wird man sich wohl mit den Zeitbedingungen mit Bonussekunden arrangieren müssen. Eine Voraussetzung ist natürlich die Verfügbarkeit digitaler Chronometer, welche sich zudem per beiderseitigem Druckknopf und doppelter Anzeige wechselseitig in Bewegung setzen lassen, aber auch der Turnierveranstalter, welche entweder durch jüngere, mit der Zeit gehende ersetzt werden oder schlichtweg der Wachablösung vorgreifen und sich stattdessen der großen Masse mehr und mehr fügen. Man wird schon langfristig beobachten können, dass a) die Schachspielkunst davon profitiert, also eigentlich jeder einzelne ein höheres Niveau spielt – selbst wenn sich dies elo-mäßig nicht auswirken sollte, durch die allseits gleichermaßen anwachsende Bedachtsamkeit –, und b) die Anzahl der Streitfälle doch gehörig reduziert werden dürfte. Auch diesen Aspekt möge bitte jeder Turnierleiter – der doch am liebsten zur Schlussrede seinen „Dank an alle Teilnehmer, dass sie sich so fair verhalten haben und es zu keinerlei Streitigkeiten kam“ — ins Kalkül ziehen.

Auch die Weltspitze beteiligt sich nicht nur an den Diskussionen, nein, man muss sie im Prinzip als „Trendsetter“ ausmachen. Sie werden dazu befragt und ihr Wort hat höheres Gewicht. Sicherlich werden ihre Überlegungen hauptsächlich Einfluss nehmen auf die Veranstaltungen und deren Durchführungsart. Es wurde in letzter Zeit sehr wohl und recht reichhaltig experimentiert. Auch mit dem so genannten Bronstein-Mode (bei welchem die beiderseits verfügbare Gesamtbedenkzeit erst angeknabbert wird, wenn man eine vorgegebene Anzahl von Sekunden überschritten hat, nachdem die eigene Uhr vom Gegner betätigt, aber eben nicht sofort in Gang gesetzt, wurde). All dies sind Möglichkeiten, dem Schachspiel einen zusätzlichen Pepp zu geben. Vielleicht kristallisieren sich ja Bedingungen heraus, bei denen es urplötzlich jedem so richtig Spaß macht?

Hier muss man jedoch eher umgekehrt annehmen, dass eher etwas Verwirrung entsteht. Nicht nur, dass man vielleicht gar nicht mehr so genau weiß, wie genau die Bedingungen diesmal sind, sondern vielleicht und noch viel mehr, dass man sich auf sehr bestimmte gar nicht mehr so gut einstellen kann und man viel eher befürchtet, dass es auf diesem Gebiet ein paar Spezialisten gibt, mit welchen man nun gar nicht mehr Schritt halten kann, weil sie genau bei jenen Bedingungen all ihre Stärken in die Waagschale werfen und zudem sich einfach nur noch auf diese fokussieren? Dies wäre eher ein höchst unerfreulicher Gegenaspekt, dass die Schachwelt gar durch höchst unterschiedliche Bedenkzeitregelungen gespalten wird, womöglich in viele unterschiedliche Sparten? Die Elo-Zahlen sind bereits unterteilt in klassisches -, Schnell- und Blitzschach, was bereits ein wenig dieses (gespaltene) Denken fördert.

Das Turnierschach hat nach hier vertretener Ansicht zwar durchaus ein paar positive Aspekte und mag gerne irgendwie weiter existieren, jedoch wäre es durchaus begrüßenswert, den kürzeren Zeitkontrollen zu einer höheren Verbreitung zu verhelfen.

Warum? Hier soll nun endlich der entscheidende Aspekt genannt werden. Erneut und weiterhin jedoch vorausgeschickt ein paar sehr wesentliche Vorüberlegungen.
1) Die Weltelite sollte hier den Trend setzen
2) Die Suche nach dem „besten Zug“, wie sie vielleicht bei Botwinnik, Petrosjan, Spasski, später Fischer, Karpov, Kasparov ein zentrales Anliegen war, hat sich erledigt. Der Computer mag zwar noch an Qualität hinzugewinnen („Alpha Zero“), aber da er den Menschen so oder so bereits hoffnungslos ausklassiert hat, wird es an dieser Stelle bereits akademisch, also unerheblich
3) Es taucht ein wesentliches Problem auf, wenn die Turnierpartien (also mit langer Bedenkzeit, welcher auch immer) der Weltelite im Netz übertragen werden (oder auch einfach so nachgespielt, zu einem späteren Zeitpunkt): diese Weltklassespieler werden mit höchst kritischen Augen betrachtet und nicht etwa mehr mit jener Bewunderung, die ihnen zusteht. Denn: jeder beliebige Zuschauer weiß, selbst per Druckknopf auf sein Smartphone, nach wenigen Sekunden bereits, welches der richtige Zug ist, währen der Weltklassespieler sich nicht nur den Kopf zermartert – sondern diesen Zug am Ende, zum Gelächter des Amateurspielers, selbst nach 20 Minuten intensivstem Nachdenken NOCH IMMER NICHT gefunden hat. Der Weltklassespieler befindet sich permanent in einer Art von Prüfungssituation: findet er den richtigen Zug oder findet er ihn nicht? Wir alle kennen ihn längst. Ein höchst unangenehmer Zustand, welcher möglicherweise von den Topspielern nur noch – ähnlich einem heutigen Fußballtrainer – durch das „Schmerzensgeld“ zu ertragen ist, welches er im Anschluss erhält und welches durch die weltweit erhöhte Aufmerksamkeit doch recht erklecklich ist.

Nur sind dies, wie gesagt, lediglich Vorüberlegungen. Zur ultimativen Heranführung an den Kernaspekt sei hier nun angeführt, dass man sich im amerikanischen Sport, lange, bevor die Überlegungen der Akteure selbst überhaupt einen Einfluss nehmen könnten, die eine zentrale Frage stellen würde: was möchte derjenige gerne sehen, der am Ende die Veranstaltung zu finanzieren hätte? Was möchte der Zuschauer gerne sehen?

Sämtliche Überlegungen, welche derzeit – und dabei die Weltelite einbeziehend – angestellt werden, beschäftigen sich icht mit diesem Aspekt. Wie viele Partien mit klassischer Bedenkzeit sollten Carlsen und Caruana (remis) spielen, damit man „den wahrhaft besten Spieler der Welt“ ermittelt hätte? Nein, das ist die falsche Herangehensweise. Was möchte der Zuschauer gerne sehen? Wie können wir die Einschaltquoten verdoppeln und wenn verdoppelt, wie verdreifachen? Allein dies müsste auch die Spieler selbst beschäftigen. Und sie würden den Trend setzen und jene Zeitbedingungen vorgeben, bei denen JEDER gerne zuschaut und welche im Anschluss ebenfalls im Club, in der regionalen Meisterschaft, in der nationalen Meisterschaft, in jedem internationalen Turnier ausgerufen werden. Es muss natürlich nicht nur eine sein, aber es sollte sich unbedingt am Interesse des Zuschauers orientieren.

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Helfen dürften dabei Umfragen, aber auch simpel die Messung der Einschaltquoten – so gut dies möglich ist, angemessen an den Anlass, die Uhrzeit, die Zeitdauer der Übertragung oder wie auch immer man dies feststellen könnte.

Falls nach einer eigenen Einschätzung gefragt: es wären unbedingt die kürzeren Zeitkontrollen, welche sich garantiert wesentlich besser „vermarkten“ ließen, welche auf die höchste Gegenliebe beim Zuschauer stießen. Auch hier hat man noch beliebig viele Steuerungsmöglichkeiten, speziell, was die Qualität der Live-Shows betrifft und inwieweit man nun immer wieder die Computerzüge mit berücksichtigen sollte (oder besser nicht). Aber dies soll nun hier nicht mehr zum Thema gemacht werden.

Der Zuschauer ist gefragt: bei welcher Übertragung eines der Topturniere war er tatsächlich von Anfang an gebannt, konnte gar nicht wegschauen, ging lebhaft und leibhaftig mit, war gefesselt und fasziniert, von Anfang bis Ende, und bei welchem hat er es vielleicht nur nebenbei so durchlaufen lassen oder gar, nach eine Weile, gänzlich die Lust verloren? Allgemeinere und verlässliche Antworten auf diese Fragen könnten dem Schach tatsächlich enorm und nachhaltig förderlich sein.

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